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Buxtehude, hochschule 21

Musterrestaurierung der Sgraffiti am Außenbau

Förderzeitraum: 2016

2016 hat die Wenger-Stiftung für Denkmalpflege die Herstellung einer Musterfläche gefördert, mit der das Konzept für die Erhaltung und Restaurierung des umfangreichen Bestandes an Sgraffiti am zentralen Gebäude der Hochschule 21 erarbeitet wurde.


Buxtehude, Schaufassade der hochschule 21

Ein Bau mit Tradition

1876 bis 1877 wurde das Hauptgebäude der heutigen hochschule 21, einer privaten Fachhochschule in Buxtehude in Niedersachsen als Technikerschule für Bau-Handwerker erbaut. Die Einrichtung, in den folgenden Jahren sehr erfolgreich in der Ausbildung von Architekten und Bauingenieuren, wurde 1890 zur staatlichen Königlichen Baugewerkschule. 2004 als private Fachhochschule neu gegründet, führt die hochschule 21 diese Tradition fort, hat ihr Lehrangebot aber um weitere Berufsbilder aus Technik und Gesundheit erweitert.
Eindrucksvoll kündet der palaisartige Schulbau, der „der Stadt zur Zierde, vor allem aber der Schule zum Nutzen“ (Buxtehuder Wochenblatt 1877) errichtet wurde, vom Enthusiasmus, der in den Gründerjahren in Buxtehude herrschte. Der Architekt Max Hittenkofer, seit 1876 Leiter der Technikerschule, entwarf das Gebäude im Stil der Neorenaissance, das in seinem Äußeren Ausweis und Anspruch dessen darstellen sollte, was innen gelehrt wurde: hohe Baukunst (Joachim Buttler).

Bildprogramm

Das umfangreiche Bildprogramm der 158 Felder an den Nord-, Ost- und Westfassaden ergänzt und überhöht diesen Anspruch mit allegorischen Mitteln. Die in Sgraffito gleich gestalteten weiblichen Allegorien in den Bögen des Obergeschosses der Flügelbauten stellen Kunst, Wissenschaft, Technik und Handwerk dar. Ihnen zugeordnet erscheinen in Medaillons am linken Gebäudeflügel Säulenkapitell und Malpalette, Sextant und Fernrohr, die die Einheit von Architektur, Kunst und Wissenschaft symbolisieren. In weiteren Medaillons am rechten Flügel wird die Verbindung von Handarbeit und Geistestätigkeit thematisiert: Einer Vase werden Bierkrüge beigesellt, Zirkel und Dreieck als Konstruktionsinstrumente mit gekreuzten Zimmermannshämmern hinterfangen. Eine mögliche Referenz für diese Dekoration in Kratzputztechnik bot Hittenkofer - sicher neben anderen - eine 1867 erschienene Publikation über „Die Anwendung des Sgraffito für Façaden-Decoration nach italienischen Vorbildern“, die noch heute in der Bibliothek der Hochschule vorliegt (Emil Lange).


Prag, Haus Minuta (1615)

Lüsai (Val Müstair, Graubünden), Haus Nr. 61.
Teppichartig über die ganze Giebelfront gezogene Sgraffito-Dekoration
mit Wellenbandfriesen, dat. 1587, renov. 1969
(In: Kunstführer durch die Schweiz,
Hg. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Band 2, Bern 2005)

Eine historische Dekorationstechnik

Das Sgraffito, auch Ritz- oder Kratzputz genannt, ist eine besondere Art der Wanddekoration, die vor allem in Italien seit dem 15. Jahrhundert ausgehend von Rom und Florenz neben der Freskomalerei große Bedeutung bei Dekoration von Sakral- und Profanbauten erlangte.
In der Herstellung relativ einfach, haben Sgraffiti eine besondere künstlerische Wirkung, die aus der Gegenüberstellung dunkler und heller Partien sowie der klaren Linienführung resultiert. Üblich ist das zweischichtige Sgraffito, das auf einem bereits vorgelegten Unterputz ausgeführt wird. Auf den getrockneten Unterputz wird der dunkel eingefärbte Feinputz angetragen, der dann mit einer Kalkschlämme oder Tünche überzogen wird. Durch das Abkratzen der obersten Schicht bis in den noch feuchten Mörtel wird die eingefärbte Putzschicht sichtbar. Dadurch bekommt das Motiv eine reliefartige Wirkung.
Im 16. Jahrhundert verbreitete sich die Sgraffitotechnik von Italien aus nach Nordeuropa, wo der reiche Fassadenschmuck vieler bedeutender Gebäude den Städten ein festliches Aussehen gab. Beispielhaft hierfür stehen die aufwändigen Dekorationen des Hauses Minuta in Prag (1615) sowie der Hoffassaden der Schlösser in Neuburg an der Donau (1560/62) und Dresden (Ende 16. Jahrhundert).
Im Barock verlor das Sgraffito an Bedeutung, diente jedoch im ländlichen Raum weiter zum Schmuck von Hausfassaden. Exemplarisch hierfür ist das Schweizer Unterengadin, wo Sgraffito-Dekorationen bis Mitte des 18. Jahrhunderts zu ihrer höchsten Blüte kamen.


Wien, Westfassade der Universität (1883),
Restaurierung und Rekonstruktion der Sgraffiti
(Simlinger und Partner Architekten)

Wien, Westfassade der Universität (1883),
Restaurierung und Rekonstruktion der Sgraffiti (Detail)

Gottfried Semper, Zürich, Sgraffito am nördlichen
Hauptflügel des Poytechnikum in Zürich von 1863,
1924 neu aufgetragen
(In: Martin Tschanz:
Die Bauschule am Eidgenössischen
Polytechnikum in Zürich.
Architekturlehre zur Zeit
von Gottfried Semper (1855-1871).
Zürich 2015, Abb. 160)

Die Renaissance des Sgraffito

Mit dem wieder aufkeimenden Interesse an historischen Baustilen blühte das Kunsthandwerk im 19. Jahrhundert nochmals auf. Bedeutende Architekten liessen ihre Bauten durch Sgraffito-Künstler schmücken. Ein besonders umfangreiches Beispiel hat sich an der Westfassade der bis 1883 erbauten Universität in Wien erhalten. Die Restaurierung der figürlichen und ornamentalen Darstellungen konnte aktuell abgeschlossen werden.
Gottfried Semper, der bedeutende Architekt und Architekturtheoretiker, hat sich 1868 in einem Aufsatz intensiv mit der Geschichte und der künstlerischen Wirkung des Sgraffito auseinandergesetzt. Er erläutert auch die von ihm selbst entwickelten Möglichkeiten zur Verbesserung der Witterungsbeständigkeit der Mörteltechnik, die er an verschiedenen Bauwerken, großflächig als Fassadenschmuck an dem von ihm 1859-1868 errichteten Polytechnikum in Zürich realisierte; auch hier wie in Buxtehude mit der Idee verbunden, mittels der Sgraffito-Dekoration das Gebäude zu einem Monument für die Herrschaft des Geistes, der Wissenschaft und der Künste zu gestalten.


Buxtehude, Sgraffiti-Dekoration, Schäden

Erhaltungsprobleme – Erhaltungstrategien

Auch wenn die Kratzputztechnik bis in die jüngste Vergangenheit von Künstlern angewendet worden ist, war auf Grund von Problemen der längerfristigen Haltbarkeit bereits vor 1900 die Zeit für großflächige Fassadendekorationen vorüber. Schadhafte Sgraffiti wurden abgeschlagen, großflächig überarbeitet oder wie im Fall des Züricher Polytechnikums 1924 vollständig erneuert. Der originale Bestand dieser Kunstgattung reduzierte sich damit erheblich. Umso bedeutender sind die Buxtehuder Sgraffiti, zumal sich in Niedersachsen kein vergleichbares Kulturdenkmal erhalten hat.
Um das Ausmaß der Schäden zu ermitteln sowie ein Konzept für die Konservierung und Restaurierung des bauzeitlichen Bestandes zu entwickeln, haben Christiane Maier und Ina Heine, erfahrene Diplomrestauratorinnen, im ersten Schritt detaillierte Untersuchungen vorgenommen. Die fachliche Betreuung erfolgte durch das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege. Beratend tätig war Dr. Frank Schlütter, Experte für historische Baustoffe an der MPA Bremen. Die Erkenntnisse waren grundlegend für eine Musterrestaurierung. Die Gesamtinstandsetzung der Sgraffiti ist ab 2017 geplant.

Dr. Kerstin Klein, Dr. Peter Königfeld