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Die ev.-luth. Christuskirche in Hannover

Zur Res­tau­rie­rung der neo­go­ti­schen Aus­stat­tung

Förderzeitraum: 2014 - 2015







Die Christuskirche in Hannover – ein Baudenkmal von besonderer nationaler kultureller Bedeutung

An städtebaulich prägnanter Stelle am nördlichen Ende des Klagesmarktes, der die Innenstadt Hannovers mit der Nordstadt verbindet, steht die ev.-luth. Christuskirche. Ein mächtiger dreischiffiger Backsteinbau auf kreuzförmigem Grundriß wird von einem hohen Turm überragt, der sich über dem Westjoch erhebt. Am Außenbau reihen sich, der Jochabfolge entsprechend, von Strebepfeilern gerahmte Giebelwände; ähnlich am Chorjoch, um das sich ein vielgliedriger Kranz von fünf Kapellen legt, eine ganz eigenständige Lösung ohne Vorbilder. Eindruckvoll ist auch die Turmfassade gestaltet: Zwischen weit vorgezogenen Strebepfeilern öffnet sich das Portal mit dem wie ein frei stehendes Monument wirkenden Wimperg über der gewölbten Vorhalle, darüber in ein Quadrat eingefügt die riesige, aber dennoch zierlich wirkende Rose.
Die Wandflächen sind aus Ziegeln gemauert, die exponierten plastischen Teile wie Krabben, Fialen und Abdeckplatten, sowie die hervorragende Bauplastik, die von Bildhauern der Kölner Dombauhütte (Christian Mohr, Edmund Renard, Peter Fuchs) und dem hannoverschen Bildhauer Carl Dopmeyer geschaffen wurden, aus Sandstein gehauen.
Der weiträumige Innenraum ist mit massiven Kreuzgewölben versehen. Er wirkt trotz seiner Kreuzform durch die zwischen Querhaus und Kapellenkranz eingeschobenen Seitenschiffjoche und die beschränkte Längenausdehnung hallenartig. Damit konnte das Kirchengestühl gemäß der großen Bedeutung angeordnet werden, welche die Predigt im evangelischen Gottesdienst hat. Der neugotische Backsteinbau ist der erste Kirchenneubau Hannovers nach 1747 und Musterkirche nach dem Eisenacher Regulativ, einer 1861 herausgegebenen Empfehlung zur Gestaltung von Kirchenbauten.
Die Christuskirche entstand 1859-64 als Schenkung König Georgs V. von Hannover an die seinerzeit neu gebildete Christuskirchengemeinde. Sie sollte zugleich als Schlosskirche für das im Bau befindliche Schloss dienen, dem heutigen Hauptgebäude der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover. Daher wurde sie sehr kostbar ausgestattet. Bis heute besteht über das Patronat von Ernst August Prinz von Hannover Kontakt zum ehemaligen hannoverschen Königshaus.

Der Architekt Conrad Wilhelm Hase

Architekt der Christuskirche war Conrad Wilhelm Hase (1818-1892), der mit diesem ersten sakralen Großbau der Hannoverschen Schule zugleich sein Hauptwerk schuf. Hase (1818 – 1902) war königlicherHases Architekturstil war von der mittelalterlichen Backsteingotik geprägt, die er als Inbegriff einer „deutschen“ Baukunst und als höchste Entwicklungsstufe einer das Christentum symbolisierenden Formensprache ansah. Baurat, Konsistorialbaumeister der Hannoverschen Landeskirche, Professor der Baukunst am Polytechnikum in Hannover sowie Gründer der Hannoverschen Architekturschule. Er darf durch sein Engagement für die Erhaltung und die Pflege historischer Bausubstanz als Vorreiter der Denkmalpflege im norddeutschen Raum gelten.
Hases Architekturstil war von der mittelalterlichen Backsteingotik geprägt, die er als Inbegriff einer „deutschen“ Baukunst und als höchste Entwicklungsstufe einer das Christentum symbolisierenden Formensprache ansah. Er wandelte sie zu einer neuen, zeitgemäßen Architektur um, wobei er konstruktive Ehrlichkeit, Ablesbarkeit der Nutzung, Sichtbarkeit des Materials und Entwerfen von innen nach außen forderte.
Mehr als 300 Bauwerke, darunter über 100 Sakralbauten zählt sein Oeuvre. Hinzu kommen über 150 Restaurierungsprojekte und zahlreiche Veröffentlichungen zur Baugeschichte historischer Bauwerke. Hase war einer der Gründer des Architekten- und Ingenieur-Vereins zu Hannover, der durch die von ihm herausgegebenen Publikationen wesentlich zur Verbreitung der Ideen der Hannoverschen Architekturschule beitrug. Die von ihm in mittelalterlichem Sinne entwickelte „Backsteingotik“ prägte über seine zahlreichen, zum Teil bedeutenden Schüler die Architektur nicht nur Norddeutschlands.





Zerstörung und Wiederaufbau

Die Christuskirche wurde bei den Luftangriffen auf Hannover im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt: Der Turm brannte aus, Teile der Gewölbe stürzten ein, die Verglasung wurde insgesamt zerstört. Die Wiederherstellung begann 1948 und dauerte 10 Jahre. Die erhaltene Ausstattung, Altar, Kanzel, Taufbecken, Radleuchter und Gestühl wurden instandgesetzt.
Allerdings war durch die ungenügende Qualität der verwendeten Materialen und fachliche Fehler eine weitere Restaurierung vorprogrammiert. Sie begann 1982. Die ersten Baumaßnahmen galten der Sanierung des Turmes, der durch Brandeinwirkung in seiner Standfestigkeit gefährdet war, sowie der Westfront der Kirche. Es folgten bis 2006 weitere 13 Bauabschnitte. Damit konnte die Außensanierung weitgehend abgeschlossen werden.
Ab 2009 folgte die Instandsetzung des Kircheninnern, beginnend mit der Sicherung der Kreuzgewölbe. Die Finanzierung umfangreichen Maßnahmen war allerdings angesichts der stark geschrumpften Kirchengemeinde (weniger als 1/10 der ursprünglichen Gemeindezahl) problematisch. Hier bot sich eine Zusammenarbeit mit dem Mädchenchor Hannover an, der schon lange eine neue Übungsstätte suchte. Für dessen Zwecke wurde ab 2012 ein moderner Übungsraum in das Kircheninnere eingebaut, der den Forderungen der staatlichen Denkmalpfleg zufolge reversibel zu gestalten war. Das Projekt „Internationales Kinder- und Jugendchorzentrum Christuskirche Hannover“ konnte, einschließlich einer Instandsetzung des Rauminnern, 2014 weitgehend abgeschlossen werden.





Die Kirchenausstattung und ihre Restaurierung

Die drei Primärstücke Altar, Kanzel und Taufe gehen auf Entwürfe Conrad Wilhelm Hases zurück. Sie waren Teil einer von ihm konzipierten umfassenden Raumausstattung, die allerdings durch die Kriegseinwirkung verloren gegangen ist, vor allem die Orgel von 1910 mit ihrer hölzernen Empore sowie die Wand- und Glasmalereien des bedeutenden Kölner Historienmalers Michael Welter von 1864.
Die Kanzel folgt der Grundform seiner übrigen Kanzeln: achteckiger Kanzelkorb mit Bogenfeldern in der Brüstung, auf einer Mittelstütze ruhend, die als Dienstbündel ausgebildet ist. Der Übergang von Stütze zum Korb ist kelchartig. Der große Schalldeckel hat mittig einen achteckigen Turmaufbau, der zum Rand durch fialengekrönte Strebepfeiler und –bögen abgestützt ist. Das reiche Figurenprogramm, das am Kanzelkorb die Evangelisten zeigt, bedarf noch einer eingehenderen Deutung. Die Eichenholzoberflächen tragen eine holzsichtige Veredelung mit Teilvergoldungen und einigen farbigen Absetzungen.
Das Altarretabel, kostbar aus Messing gegossen, folgt einem Dreiarkadentypus. Die drei Bahnen sind jeweils horizontal geteilt, so dass je zwei Felder mit Reliefs übereinander Platz finden. Das Mittelfeld mit der Kreuzigungsdarstellung oben und dem Lamm Gottes in einem Vierpass unten überragt die beiden seitlichen.
Die bronzene Taufe zeigt eine reiche Maßwerkarchitektur. Der pyramidenartig hoch aufstrebende Deckel wird mittig von drei Pfeilern bekrönt, zwischen denen eine plastische Darstellung der Taufe Christi angeordnet ist.
Eine notwendige restauratorische Bearbeitung des Altares, der Kanzel und des Taufkessels war im Rahmen der aufwändigen baulichen Maßnahmen aus finanziellen Gründen nicht möglich. Daher erklärte sich die Wenger-Stiftung für Denkmalpflege 2014 bereit, die Restaurierung zu finanzieren. Sie fühlte sich hierzu insbesondere veranlasst, weil ihr Gründer, Herr Dr.-Ing. Fritz Wenger, in seiner Jugend Gemeindeglied dieser Kirche gewesen war.



Die Restaurierung der historischen Ausstattung der ev. Christuskirche in Hannover konnte von 2014 bis 2015 durchgeführt werden.

2014 wurde die Kanzel konserviert.


Vorzustand des Kanzeldeckels
mit starken Staubablagerungen

Starke Staubablagerungen am Kanzeldeckel (Detail)

Details von Kanzelkorb vor der Reinigung

Detail am Kanzeldeckel nach partieller Reinigung

Schäden am Kanzelfuß

Die Kanzel nach der Restaurierung

Die Restaurierung der Kanzel

An der Kanzel stellte sich, neben anderen, vor allem das Problem der starken Staubbelastung der Oberflächen, die wegen ihrer Hygroskopizität einen hervorragenden Nährboden für mikrobiellen Befall darstellte. Auf der Oberseite des Schalldeckels sowie innerhalb des Gehäuses hatte sich eine dickschichtige Schmutzschicht abgelagert. Die großflächigen Verschmutzungen betrafen auch die senkrechten Flächen der Kanzel, wo sich der feine Staub auf der größtenteils An der Kanzel stellte sich vor allem das Problem der starken Staubbelastung der Oberflächen. Auf der Oberseite des Schalldeckels sowie innerhalb des Gehäuses hatte sich eine dickschichtige Schmutzschicht abgelagert. An der Unterseite des Kanzelkorbs waren fleckenförmige Kolonien eines mikrobiellen Befalls zu erkennen.ungefassten und offenporigen Oberfläche der Architektur abgelagert hatte. Auf den horizontalen Flächen und in Vertiefungen hatte sich der Schmutz mit der Oberfläche verbunden. An der Unterseite des Kanzelkorbs waren fleckenförmige Kolonien eines mikrobiellen Befalls zu erkennen. Im Bereich der Vergoldungen war es stellenweise zu Abplatzungen gekommen.
Bei einer früheren Bearbeitung war im oberen Bereich des Schalldeckels ein transparenter Überzug, vermutlich auf Ölbasis, aufgetragen worden, vorwiegend auf den horizontalen Flächen der Maßwerkfenster, Gesprengeteile und Verzierungen. Es ist anzunehmen, dass man mittels des Ölauftrags die aufliegende Schmutzschicht überstrichen hat, um der Oberfläche neuen Glanz zu geben. Diese Flächen zeigten sich aktuell oberflächlich vergraut und matt.
Die verschmutzte Oberfläche der Kanzel wurde einer gründlichen Reinigung unterzogen. Nach der Abnahme des lose aufliegenden Schmutzes wurden verfestigte Verschmutzungen auf der Oberfläche und in den Vertiefungen feucht abgenommen, instabile Teile der Architektur wieder befestigt, abgestoßene Kleinteile den Bruchstellen zugeordnet und wieder verleimt. Die matten horizontalen Flächen im oberen Bereich des Schalldeckels erhielten einen Firnisüberzug.
Der Kanzelfuß wies nach der Abnahme der Holzverschalungen starke Schäden in Form von Abplatzungen, Abschalungen und Rissen sowie einen abblätternden Anstrich auf. Nach einer Prüfung der Standfestigkeit wurden die Oberfläche gefestigt, gekittet und retuschiert sowie abgebrochene Profilteile angesetzt.



2015 folgte die Restaurierung von Altarretabel und Taufbecken.


Altarretabel, Rückseite mit anbetendem Engel, originale Farbigkeit

Altarretabel, kreuztragender Engel vor der Reinigung

Altarretabel, Melchisedek vor der Reinigung

Altarretabel, Blattfries, Teilreinigung

Altarretabel nach der Restaurierung

Altarretabel, Lamm Gottes nach der Restaurierung

Kommunionbank (Detail), vor der Reinigung

Kommunionbank nach der Restaurierung

Die Konservierung des Altarretabels

Das Retabel, das Conrad Wilhelm Hase als Kreuzaltar mit dem von einer Mandorla umgebenen Gekreuzigten gestaltet hat, ist ein besonders interessantes Kunstwerk: Äußerst fein in Eisenguss hergestellt, sind seine zahlreichen separat gefertigten Einzelelementen mittel Schrauben untereinander verbunden. Von dem ursprünglichen Glanz des Blattgoldbelages der überaus sorgfältig bearbeiteten Metalloberflächen gibt nur noch der Corpus Christi Zeugnis. Eine Bronzefarbe, die bei einer jüngeren Überarbeitung flächig aufgetragen wurde, beeinträchtigt die originale Wirkung des Retabel in erheblichem Masse, ist aber ebenso wie der nicht originale blaue Hintergrund der Mandorla nicht reversibel.
Die verschmutzte Fassung wurde zunächst trocken mittels Pinseln und Staubsauger gereinigt, anschließend der fest aufliegende Oberflächenschmutz mit destilliertem Wasser abgenommen. Auf eine Entfernung der Wachsflecken unter der existenten Fassung musste verzichtet werden, weil das zu einem starken Eingriff in das Erscheinungsbild der Bronze geführt hätte.
Lose Teile wurden mit einem Zweikomponenten-Kunstharzkleber befestigt, gelöste Partien des Blattfrieses mit Silberdrahtarmierungen und Haftpunkten mit Epoxidharz verklebt.
Gereinigt wurden auch die aus der Bauzeit der Christuskirche stammenden Kommunionbänke, deren schöne Schnitzereien christologische Elemente (Weinlaub mit Trauben) zeigen.


Taufbecken in der Werkstatt

Taufbecken nach der Restaurierung

Taufe Christi im Vorzustand

Taufe Christi nach der Restaurierung

Taufdeckel, Detail der Maßwerkbekrönung

Taufbecken, Detail der Inschrift

Montage der Taufe

Neues Gestänge während der Montage

Taufe nach der Restaurierung

Die Restaurierung der Taufe

Das zierliche Taufbecken in der Christuskirche ist eines der wenigen, das der bedeutende Architekt Conrad Wilhelm Hase selbst entworfen hat. Seine zeichnerische Vorlage wurde von dem in Hannover tätigen Bildhauer Carl Dopmeyer umgesetzt, dessen Signatur sich auf der Plinthe der zentralen Figurengruppe im Deckel befindet. Welche Werkstatt schließlich den hervorragenden Bronzeguss ausgeführt hat, ist nicht bekannt.
Das flache, sechseckige Becken wird durch sechs auf kleinen Löwen ruhenden Pfeilern getragen, die untereinander durch zur Mitte gerichtete Strebebögen konzentrisch verbunden sind. Den pyramidenartigen Deckel bekrönen in der Mitte drei Pfeiler, zwischen denen eine plastische Darstellung der Taufe Christi aufgestellt ist. Darüber erhebt sich eine reiche Maßwerkarchitektur, die sich aus drei niedrigen und einem lang gezogenen, hohen Wimperg zusammensetzt (Günther Kokkeling). In der Spitze des Taufdeckels ist ein geschmiedeter Haken für die Aufhängung eingepasst.
Die einzelnen Teile von Becken und Deckel sind mit Punktmarkierungen versehen, sodass sie genau zugeordnet werden können, und innenliegend überlappend verschraubt und vernietet. Die Gussoberfläche ist mit einer hauchdünnen stabilen Tenoritpatina versehen.
Der Zustand war durch Verrußungen, flächige Verkrustungen und Lacküberzüge gekennzeichnet. Partiell zeigten sich Kupfersalzausblühungen sowie verschiedene Gebrauchsspuren, abgebrochene, abgenutzte, gelockerte und überdrehte Gewinde, unsachgemäße Reparaturen und Bruchstellen.
Taufbecken und Taufdeckel wurden in ihre Einzelteile zerlegt, restauratorisch überarbeitet und stabilisiert, die Oberflächen innen und außen vorsichtig unter Beibehaltung des Patinaniveaus der hauchdünnen Tenoritschicht mechanisch gereinigt, die Ausblühungen reduziert und nach Bedarf mit BTA konserviert, abgebrochene Teile verklebt. Nach partieller Retusche und Patinierung erfolgte eine konservierende Abschlussbehandlung mit einem mikrokristallinen Wachs (Cosmoloid H 80).
Als Ersatz für das verlorengegangene Gestänge, an dem der Taufdeckel ursprünglich aufgehängt war, wurde ein neues geschaffen.