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Die Restaurierung eines bedeutenden Wallfahrtskreuzes:

Der Crucifixus dolorosus in der ehemaligen Klosterkirche Lage

Förderzeitraum: 2002/03

Wallfahrt seit dem Mittelalter

In der weiten, stillen Landschaft der Haseniederung im nördlichen Landkreis Osnabrück hat sich die bis in das Mittelalter zurückreichende Verehrung eines bedeutenden Andachtsbildes erhalten, das Gläubige aus dem weiten Umkreis anzieht. Es handelt sich um das Wallfahrtskreuz, das in der Kirche der 1245 aus dem Geist der Kreuzzüge gegründeten Johanniter-Kommende Lage, der heutigen kath. Pfarrkirche Johannes der Täufer in Rieste-Kloster Lage, aufbewahrt wird.
Die noch heute geübte KreuztrachtIn Kloster Lage wird das mittelalterliche Kreuz besonders verehrt. In Notlagen fahren Nachbarschaften und Vereine oft von weither zur Lager Kirche, wo sie das 134 kg schwere Kreuz in der Fürbitte für schwer erkrankte Freunde und Familienangehörigen um die Kirche tragen („Kreuztracht“). für die Gnade einer guten Sterbestunde lockte bereits nach 1300 so viele Wallfahrer an, dass sogar ein Jahrmarkt eingerichtet wurde. Das Ordenshaus, das innerhalb der niederrheinisch-westfälischen Johanniter-Ballei eine bedeutende Rolle spielte, blieb auch während der Reformationswirren stets katholisch und wurde nach den Zerstörungen des 30jährigen Krieges als erste geistliche Institution im Bistum Osnabrück neu errichtet. Die Säkularisation führte zwar 1803 zu ihrer Auflösung, die Verehrung des wunderwirkenden Kreuzes blieb aber durch alle Wirren der Zeit wach. Auch heute noch wird es von Pilgergruppen, zum Teil mehrfach am Tage, um die Kirche getragen. Zu seinem Schutz ist es daher in einen Holzkasten eingefügt.


Das traditionelle Kreuztragen

Ein Mystikerkreuz

Die Auffassung des Kreuzes als Triumph des Leidens, wie es hier dargestellt wird, war nur möglich durch die Mystik, in der sich Ordensleute, aber auch Laien bis aufs äußerste in Betrachtungen und Visionen mit der Passion identifizierten. Das Bildwerk aus Eichenholz ist von hoher Qualität; seine ebenmäßige, fast geometrische Gestalt mit einem fein und flächig drapierten Lendentuch sowie dem gleichmäßig gestalteten Oberkörper hebt es weit über das hinaus, was westfälischen und niedersächsischen Kruzifixen aus dem 13. und frühen 14. Jahrhundert bekannt ist. Es ist nördlich der Alpen singulär, auch wenn die in Köln und im Rheinland überlieferten Crucifixi dolorosiIm Geist der Mystik am Anfang des 14. Jahrhunderts entstanden, sind die Crucifixi dolorosi eine in ihrer Intensität kaum zu übertreffende Darstellung des leidenden Christus am Kreuz. Von herausragender Bedeutung ist das Kapitolskruzifix in St. Maria im Kapitol in Köln. Verwandte Werke finden sich u.a. in Italien, Spanien, Südfrankreich und Böhmen. Somit erweisen sich die »Crucifixi dolorosi« als ein Phänomen von europäischer Dimension., in deren Zentrum das Kreuz in Köln, St. Maria im Kapitol, steht, zeigen keinerlei Verwandtschaft. G. Hoffmann vermutet Beziehungen zu italienischen Pendants.
Das überlieferte Weihedatum des Kreuzes (29. August 1315 am Fest der Enthauptung des Johannes d. T.) lässt sich archivalisch nicht belegen. Bedauerlicherweise waren Herkunft und zeitliche Einordnung auch aktuell mittels dendrochronologischer Untersuchungen durch Prof. P. Klein, Universität Hamburg, nicht zu klären. Die Datierung bleibt daher unsicher, eine Entstehung in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts kann aber als wahrscheinlich gelten.


Mystische Kreuzverehrung: Eine Dominikanerin empfängt
den blutüberströmten Christus in ihren Armen.
Miniatur aus Straßburg, 2. Hälfte 15. Jahrhundert

Crucifixus dolorosus in St. Maria im Kapitol in Köln,
1304

Crucifixus dolorosus aus der Fronleichnamskirche in
Breslau, um 1350
(Foto: Ludwig Schneider, Wikimedia Commons)

Lange Tradition der Nutzung

Die Besonderheit des Lager Kruzifixus liegt darin, dass er auch heute noch ganzjährig, also bei jeder Witterung, als Tragekreuz genutzt wird. Er ist Mittelpunkt einer regen, überregional bedeutenden Wallfahrt. Auch wenn aus denkmalpflegerischer Sicht die daraus resultierende starke Beanspruchung des kostbaren Kunstwerkes als problematisch gelten muss, ist der Wunsch vor Ort nachvollziehbar, das mittelalterliche Andachtsbild, das in langer Tradition des Gebrauchs einen besonderen, sakralen Status erlangt hat, weiterzubenutzen. Zu diesem Zweck ist im übrigen jüngst eine Erweiterung des modernen Kapellenanbaus fertiggestellt worden, der ständig für die Gläubigen zugänglich ist.
Die Fassung des Corpus musste im Laufe der Geschichte nutzungsbedingt mehrfach erneuert werden. Allein für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts sind drei Restaurierungen 1946, 1956 und 1987 belegt. Erneute Schäden am Holzkörper und der Fassung machten 2002 eine weitere grundlegende Instandsetzung unumgänglich, die bis Februar 2003 durchgeführt wurde. Die aufwändigen Arbeiten waren durch die großzügige Förderung der Wenger-Stiftung für Denkmalpflege möglich und wurden fachlich eng von den Restauratoren des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege in Hannover betreut. Wegen der Bedeutung des Kunstwerkes und der schwierigen denkmalpflegerischen Fragen begleitete ein Expertenteam beratend die Maßnahme.


Kloster Lage, Kath. Kirche Johannes der Täufer
mit der neuen Kreuzkapelle

Das Innere der Kreuzkapelle

Die Verehrung des Kreuzes im Gottesdienst

Das Haupt des Gekreuzigten mit den originalen Locken
(1956)

Entwicklung eines Restaurierungskonzeptes

Da die besondere Beanspruchung weiterhin gegeben sein wird, war eine darauf abgestimmte Restaurierungskonzeption zu entwickeln. Die Maßnahmen von 1956 und 1987 bezogen sich jeweils erklärtermaßen auf Reste einer Originalfassung, kamen dabei aber zu ganz unterschiedlichen Resultaten. Eine intensive Voruntersuchung musste daher vorgeschaltet werden: Der Gekreuzigte wurde zunächst in Amtshilfe im Rheinischen Amt für Denkmalpflege geröntgt, dann durch eine Restauratorin untersucht. Dabei konnten erste konzeptionell weiterführende Einsichten in die Herstellungstechnik, den Zustand des Holzkörpers, die historische Fassungs- und Schadenssituation gewonnen werden. Einsachneidende Verluste betrafen vor allem die originalen freihängenden Locken, die 1956 verlorengingen; der Ausdruck des Hauptes wird dadurch verfälscht.
Auf dieser Grundlage wurde gemeinsam mit den Experten sowie den Vertretern des Generalvikariates Osnabrück und der sehr engagierten Kirchengemeinde über die Vorgehensweise diskutiert und das weitere restauratorische Vorgehen schrittweise entwickelt – wie mit den plastischen Ergänzungen umzugehen ist, wie man ältere Befunde einbindet bzw. schützt und wie man die Holzoberfläche konservatorisch und farblich behandelt. Auf eine Abnahme des Rückenbrettes zur Untersuchung der Reliquien wurde wegen der damit verbundenen Eingriffe in die Substanz verzichtet.


Originale Fassungsreste: Gold unter Azuritblau

Reste der originalen Rotfassung des Lendentuches

Reste originaler Farbfassung

Die früheren Eingriffe, bei denen großflächig Kunstharzkittungen sowie ungeeignete Beschichtungsmaterialien aufgetragen wurden, um den Holzkörper gegen Einflüsse der Außenbewitterung abzudichten, haben sich als schädigend herausgestellt. Übereinstimmend wurde daher empfohlen, die nach 1948 aufgebrachten unsachgemäßen Fassungen mit Überkittungen sorgfältig unter Erhaltung der älteren Befunde abzunehmen. Umfangreiche Holzschäden traten zutage und mussten behoben werden. Unsachgemäße Holzreparaturen und –ergänzungen, vor allem an den Armasätzen und im Kopfbereich, waren nur teilweise zu revidieren.
Insbesondere an geschützten Partien des Lendentuches konnten unter Resten von zwei jüngeren Farbschichten in Blau auch größere Bereiche der ursprünglichen Fassung freigelegt werden: Weiß mit Spuren einer ornamentierten Goldkante auf gelbem Anlegemittel sowie ein intensives Zinnoberrot auf der Tuchinnenseite. Für das originale Inkarnat waren nur kleinste, kaum deutbare Spuren nachzuweisen; interessant aber die Befunde an den Wundmalen, die neben einem dunkelroten, mit Mennige aufgehellten Blutton Dübellöcher für plastisch aufgesetzte Blutgerinnsel zeigen. Der Corpus und das Kreuz gehören zusammen: Dessen älteste Fassung weist auf weißer Grundierung zweilagig Grünspan auf, dazu waren die Astansätze ölvergoldet und rot abgesetzt.


Ein gotisches Vergleichsbeispiel für die Neufassung:
"Kreuzabnahme" des Bersworth-Altares, um 1390.
Dortmund, Marienkirche

Konservierende Neufassung nach Befund

Eine Integration der originalen Farbbefunde in die Restaurierungskonzeption war erstes Ergebnis der Diskussion in der Expertenrunde. Für das Lendentuch war eine Retusche im Sinne der Erstfassung ebenso Konsens wie die konservierende Behandlung des weiterhin stark benutzten Kreuzes mit Wiederherstellung der rot-goldenen Astansätze. Komplizierter gestaltete sich hingegen die Entscheidung, wie mit dem Inkarnat und den Wundmalen umzugehen sei. War hier anfangs eine zurückhaltende Holzretusche erwogen und ausgetestet worden, musste wegen der umfangreichen Reparaturen und der vielen inselhaften Reste älterer Kreidegrund- und Farbbestände letztlich doch eine Neufassung im Sinne des frühen 14. Jahrhunderts entschieden werden; allerdings sehr dünnschichtig mit mehrschichtig aufgetragenen Lasuren, die Wundmale in Anlehnung an die vorgefundenen Reste angelegt. Eine neue, dem Typus des Crucifixus dolorosus entsprechende Dornenkrone aus Tau mit Holzdornen ersetzte schließlich die relativ junge, nicht passgerechte hölzerne.
Die Technik der Neufassung, ein Harzfirnis, schützt einerseits den Holzkörper vor den witterungsbedingten Einflüssen, andererseits garantiert sie volle Reversibilität und gute Reparaturfähigkeit im Rahmen der notwendigen kontinuierlichen Wartung und Pflege des stark benutzten Kunstwerkes.

Uwe Pleninger, Dipl.-Restaurator FH / Dr. Peter Königfeld