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Der Gartenfriedhof in Hannover

Die Wenger-Stiftung für Denk­mal­pflege för­dert die Er­hal­tung ei­nes über­regio­nal be­deu­ten­den Kul­tur­denk­mals

Förderzeitraum 2012 - 2015





Bedeutende historische Friedhöfe

Hannover besitzt einige bedeutende historische Friedhöfe: vor allem den seit dem 14. Jahrhundert bestehenden Nikolaifriedhof, der in der Funktion des Hauptfriedhofs für die Altstadt bis 1866 genutzt wurde, sowie den seit 1646 angelegten St. Andreas-Friedhof, der für die Bürger der Calenberger Neustadt bestimmt war und auf dem bis 1876 Bestattungen durchgeführt wurden. Beide Anlagen sind durch starke Zerstörungen im 2. Weltkrieges sowie rücksichtslose Straßenbaumaßnahmen und Überbauungen während des Wiederaufbaus substantiell schwer geschädigt worden.
Demgegenüber hat der Gartenfriedhof als dritter zentrumsnah gelegener Friedhof, trotz aller Verluste und Einschränkungen, seine ursprüngliche Gestalt im Wesentlichen bewahren können. Als erster kommunaler Friedhof, der sich von Anfang an im Eigentum der Stadt befand, wurde er 1741 angelegt, in Nachbarschaft der Gartenkirche, die 1749 für die vor den Toren Hannovers in den sogenannten Gartengemeinden lebende Bevölkerung erbaut worden ist.




Keine planmäßige Anlage

Der Gartenfriedhof entstand in einer Zeit, in der Begräbnisplätze noch nicht planmäßig nach architektonischen und künstlerischen Gesichtspunkten entworfen wurden. Zwei diagonal geführte Wege, die zum Eingang der Gartenkirche führten, erschlossen die nach Osten ausgerichteten Gräberfelder. Und eine das Areal umgebende Hainbuchhecke formte einen raumbildenden Rahmen. Auch die den Friedhof prägenden Bäume folgten keinen Gestaltungsprinzipien, sondern sind wohl sukzessive von den Nutzern selbst auf oder neben einer Grabstätte gepflanzt worden. 1859 geschlossen und zu einer Grünfläche umgewandelt, vermittelt die Anlage noch heute etwas von dieser ursprünglichen, berührenden Schlichtheit.

Ein bevorzugter Begräbnisort

Der Gartenfriedhof entwickelte sich bald zu dem bevorzugten Friedhof der Stadt Hannover. Neben einfachen Bürgern wurden hier auch Persönlichkeiten aus Politik, Kunst und Wissenschaft aus der Stadt und dem Kurfürstentum bzw. Königreich Hannover beigesetzt. Neben einfachen Bürgern wurden hier auch Persönlichkeiten aus Politik, Kunst und Wissenschaft aus der Stadt und dem Kurfürstentum bzw. Königreich Hannover beigesetzt.Bekannte Gräber sind unter anderen die von Georg Friedrich Grotefend (entzifferte 1802 die altpersische Keilschrift), Charlotte Sophie Henriette Kestner („Lotte“ aus Goethes „Wahlverwandtschaften“) und Caroline Herschel (Schwester und Assistentin des berühmten Astronomen Wilhelm Herschel). Seit Mitte des 18. Jahrhunderts für ca. 100 Jahre belegt, darf der Gartenfriedhof ohne Zweifel als eine der bedeutendsten kulturhistorischen Stätten der Sepulkralarchitektur dieser Epoche gelten. Wertvolle Grabdenkmäler in Stilelementen des Klassizismus und der Romantik prägen das Bild. Interessant sind der reiche Ornament- und Symbolschmuck sowie die Fülle an Inschriften, die Aufschluß über die jeweils zeitgebundene Einstellung zum Tod und der Hoffnung auf Auferstehung geben können. Sie machen die Grabmäler zu einer unerschöpflichen Geschichtsquelle.




Privates Engagement

Die unter freiem Himmel stehenden historischen Grabsteine sind mit ihrem Material – Naturstein oder Metall – allseitig und schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt. Um die Landeshauptstadt Hannover bei ihren Erhaltungsbemühungen zu unterstützen, aber auch diesen bedeutenden historischen Ort aufzuwerten, wurde 2011 von engagierten Bürgern „Renaissance Gartenfriedhof e.V.“ ins Leben gerufen.Durch die vielfältigen Einflüsse der Verwitterung, mangelnde Pflege, Kriegseinwirkung, Vandalismus und/oder untaugliche frühere Restaurierungen oft stark geschädigt, droht der unwiederbringliche Verlust der originalen Oberflächen, der künstlerisch wertvollen Dekorationen und der für den historischen Zeugniswert bedeutsamen Inschriften. Da sich für den öffentlichen Eigentümer die materielle Erhaltung eines solch umfangreichen Bestandes an Grabdenkmalen angesichts knapper Gelder schwierig gestaltet, ist private Initiative gefragt. Um die Landeshauptstadt Hannover bei ihren Erhaltungsbemühungen zu unterstützen, aber auch diesen bedeutenden historischen Ort aufzuwerten, wurde 2011 von engagierten Bürgern „Renaissance Gartenfriedhof e.V.“ ins Leben gerufen. Durch Vermittlung von Patenschaften bemüht sie sich, zur Erhaltung und Pflege von Grabanlagen beizutragen. Mit kulturellen Veranstaltungen, Konzerten und Pressearbeit macht der Verein auf dieses besondere Kulturdenkmal Hannovers aufmerksam und drängt auf seine behutsame Nutzung.



Förderung durch die Wenger-Stiftung für Denkmalpflege

In einem ersten Schritt hat die Stiftung 2012 grundlegend eine umfassende Bestands- und Zustandsaufnahme aller Grabdenkmale, getrennt nach Stein- und Metallobjekten, finanziert, die den Bestand mit Schwerpunkt auf der Zustandsbeurteilung von Inschriften, Ornamenten, Standsicherheit und Stabilität der Grabmäler legte. Diese wurden dabei entsprechend dem jeweiligen Handlungsbedarf in Kategorien eingeteilt - von „keine akute Gefährdung“ bis „dringende Konservierung erforderlich“.




Steinkonservierung

Auf der durch die 2012 vorausgegangene Bestands- und Zustandserfassung abgesicherten Basis wurde 2013 und 2014 mit der Konservierung und Restaurierung besonders gefährdeter Objekte bzw. Objektteile begonnen. Die Maßnahmen wurden auf GrabdenkmaleNach der Instandsetzung sollten die Grabdenkmale nicht in „neuem Glanz“ erscheinen. Mit den strikt konservatorisch ausgerichteten Maßnahmen wurden vor allem die akuten Schadensursachen beseitigt. beschränkt, die besondere Gefährdungen aufwiesen (Schadenskategorie 1). Sie wurden in den Abschnitten I und II parallel zur Marienstrasse sowie in den Abschnitten IV bis VI im Schatten der Gartenkirche durchgeführt. Insgesamt wurden 43 Grabdenkmale aus Stein restauriert.¹
Nach der Instandsetzung sollten die Grabdenkmale nicht in „neuem Glanz“ erscheinen. Mit den strikt konservatorisch ausgerichteten Maßnahmen wurden vor allem die akuten Schadensursachen beseitigt: durch Reinigung der Oberflächen mit Abnahme von Moosen und Flechten, Ersetzen verrosteter Anker durch Edelstahl, statische Korrekturen, Bearbeiten von Rissen und Ausbrüchen sowie mittels Mikrostrahlen Ausdünnen schwarzer Krusten, die für die Schalenbildung und Abplatzungen der originalen Steinoberflächen verantwortlich sind, schließlich Festigung absandender Partien.
Besonders aufwändig war die Instandsetzung von Grabmal 135 (Dr. Georg W. Dommes) in Abschnitt III. Es mußte abgebaut, restauratorisch bearbeitet und statisch sicher auf einem neuen Fundament wieder errichtet werden, da es durch das Wurzelwerk einer inzwischen beseitigten Robinie gravierend beschädigt war.

Die Maßnahmen an Grabmal 9 (der Name ist verwittert) können hier als exemplarisch gelten:
Die steinerne Deckplatte wurde abgenommen, um die rostenden Eisenteile, die die Konstruktion durch Treiben gefährden, durch nichtrostende Stahlanker ersetzen zu können. Im Sockel wurden alle Eisenanker neu verbleit. Die Oberflächen wurden insgesamt mit einer Heißwasserdusche substanzschonend von aufliegenden Schmutzpartikeln, Flechten und Moosen gereinigt. Schwarze Krusten wurden vorsichtig mittels Mikrostrahlverfahren ausgedünnt. Absandende Steinbereiche wurden mit Steinfestiger auf Kieselsäurebasis gefestigt, lose Teile gesichert, dabei Schalen mit eingefärbtem Restauriermörtel angeböscht. Die Schrifttafeln und Medaillons wurden mit Mikrowachs gegen weitere Bewitterung geschützt, ihr Ausbau zur ganzseitigen Behandlung wäre angesichts des fragilen Zustandes substanzgefährdend.






Metallkonservierung

Der große Bestand an Grabdenkmalen aus Gusseisen auf dem Gartenfriedhof soll durch die laufenden Maßnahmen schrittweise gesichert werden. 2013/14 konnten sechs bearbeitet werden.²
Da die Metallobjekte auch nach der Instandsetzung ihre gealterte Oberfläche behalten sollten, war ein äußerst zurückhaltendes, aber dennoch wirksames Konservierungskonzept erforderlich. Gusseisen als das empfindlichste aller Gebrauchsmetalle war, wie bei den Maßnahmen nachgewiesen werden konnte, auch auf dem Gartenfriedhof von Beginn an durch Anstriche zum Schutz vor Korrosion überdeckt. Die Sicherung solcher korrodierten Oberflächen erfolgt heute in der Regel nicht durch Erneuerung solcher deckender Farbfassungen. Die Restaurierungsmaßnahmen reduzierten sich daher prinzipiell auf die Festigung und Konservierung solcher stark geschädigter Befunde und Oberflächen. Das Restaurierungskonzept setzte transparente, unauffällige Konservierungsüberzüge voraus. Die Auswahl an Materialien war unter streng fachlichen Gesichtspunkten, wie Anwendbarkeit, Materialverträglichkeit und optische Wirkung, ausgerichtet.

Die Maßnahmen an Grabmal 296 (Caroline Lucie Winckelmann +1852) können hier als exemplarisch gelten:
Es handelte es sich um ein Kreuzfragment vom Gartenfriedhof Hannover sowie das zugehörige Kreuzbruchstück, das auf dem Werkhof des Engesohder Friedhofes eingelagert war. Die passgenaue Zuordnung ermöglichte eine Musterrestaurierung, bei der es um das Austesten von Möglichkeiten einer Rückführung abgebrochener Grabkreuzfragmente auf den Gartenfriedhof ging.
Das Grabkreuz zeigte ein ausgeprägtes Korrosionsbild mit ungleichmäßiger Narbenbildung.
Der Erhaltungszustand konnte insgesamt aber als relativ gut beschrieben werden.
Die beidseitigen Schriftzüge waren durch abblätternde jüngere Fassungsreste stark überlagert, insgesamt aber nur geringfügig durch Korrosion geschädigt, aber noch gut lesbar. An den Kreuzbalken waren größere Gusslunker erkennbar, die auf einen unsauberen und nicht versäuberten Guss schließen lassen. Die Buchstaben waren nicht mitgegossen, sondern nachträglich montiert. Das Kreuz zeigte Reste von zwei älteren Farbfassungen: Dunkelgrau und Rot.
Kreuzstumpf und Kreuz wurden zur Bearbeitung in die Werkstatt transportiert, dort eine temporäre Oberflächenfestigung mit Cyclododecan vorgenommen. Die Reinigung erfolgte anschließend mit weichen Naturhaarbürsten und Druckluft, mit Neutralseife (5%), weichen Schablonierpinseln, Mikrodampfstrahlgerät. Nach der Trocknung wurden die Korrosionsprodukte mit rotierenden Stahldrahtbürsten, Ziegenhaarbürsten und rosa Korundschleifkörpern mechanisch abgetragen. Die Fassungsreste wurden mit Axo fein-Radierern, Wallmaster Schwämmen, Groom Stick sowie Vorpolierspitzen freigelegt. Fassungsproben zur Analyse an ein Fachlabor gesandt.
Die Autogene Verschweißung der Bruchkante wurde durch die Firma Strate mit Spezial Elektroden mit Überschuss verschweißt, die verschliffene Schweißnaht durch leichte Punzierung an die Oberflächenstruktur des Originals leicht angeglichen. Die Konservierung wurde schließlich im 3 Schichten Decksystem (BOB), transparent, grau und rotbrauner seidenmatter 2 K Acryllackdeckanstrich durchgeführt, eine konservierende Abschlussbehandlung mit mehrfach verdichtetem mikrokristallinem Wachs Cosmoloid H 80 / Shellsol (1:10).
Die Rückführung auf den Gartenfriedhof steht noch aus, da noch unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten ein Stützsystem entwickelt werden muss.
Im vorliegenden Fall wurde entschieden, das Kreuz mit dem befundmäßig festgestellten Rotton neu zu fassen, um die optisch störende Schweißnaht zu kaschieren. Bei den anderen Eisenkreuzen wurde, wie oben angedeutet, ein transparenter Schutzüberzug aufgetragen.


Plan Bereich 6. Die bearbeiteten Grabdenkmale sind schwarz markiert.

Bereich 6

Bereich 6

Die Maßnahmen 2015

Basierend auf der umfassenden Bestands- und Zustandsaufnahme aller Grabdenkmale, die 2012 getrennt nach Stein- und Metallobjekten durchgeführt worden ist, wurden 2015 wieder bevorzugt besonders gefährdete Objekte ausgewählt, die zur Kategorie „dringende Konservierung erforderlich“ gerechnet werden mussten. Die Maßnahmen konzentrierten sich aber aktuell auf einen engeren Bereich (Gräberfeld 6), um dort ein möglichst geschlossenes Konservierungsergebnis zu erreichen. Hier wurden 18 Grabsteine bearbeitet.

Konservierung

Im Wesentlichen wurden an den Grabsteinen folgende Arbeiten durchgeführt:

  • Reinigung der Grabmale von Moos, Algen und Pflanzenbewuchs
  • Stabilisierung und Festigung sandender Steinsubstanz
  • Weitere Schalenbildung an der Steinoberfläche verhindern und sichern
  • Schwarzverkrustungen von den Oberflächen reduzieren
  • Ergänzen und Kitten von Fehlstellen
  • Von Baumwurzeln verschobene Grabmale ausrichten bzw. aufrichten
  • Die gelösten Deckplatten auf den Postamenten befestigen
  • Stark korrodierte Fragmente der Eisenkreuze aus- und wieder einbauen


Vorzustand des Grabmals Schüsler

Vorzustand des Grabmals Schüsler

Vorzustand des Grabmals Schüsler: Abschalungen und offene Fugen,
Baumwurzeln, Moos- und Algenbewuchs, sandende Flächen und Profile

Vorzustand des Grabmals Schüsler: Abschalungen und offene Fugen,
Baumwurzeln, Moos- und Algenbewuchs, sandende Flächen und Profile

Vorzustand des Grabmals Schüsler: Abschalungen und offene Fugen,
Baumwurzeln, Moos- und Algenbewuchs, sandende Flächen und Profile

Grabmal Schüsler nach der Konservierung

Als Beispiel:
Bearbeitung des Grabsteins Nr. 303 Schüsler

Der Zustand war durch Moss- und Algenbewuchs, erhebliche Schmutzablagerungen, vor allem im oberen Bereich (Urne), durch Abschalungen und sandende Bereiche an dem Gesims, den Profilen, dem Schriftfeld und der Ornamentik gekennzeichnet. Durch Pflanzenbewuchs (Birke) waren Wurzeln in die offenen Fugen eingedrungen, durch die Wasser in das Innere des Grabmals eindringen konnte.
Der Grabstein wurde mit Kieselsäureester vorfestigt, wobei vor allem an dem umlaufenden Profil und den Ornamenten eine Nachfestigung notwendig war. Abschalungen wurden mit einem Steinkleber hinterspritzt und Schalen mit einer feinen Steinersatzmasse angeböscht. Die Reinigung der Oberflächen erfolgte mit Bürsten und einem Mikrodampfgerät. Risse und Fugen wurden kantenbündig mit einer Steinersatzmasse gefüllt.


Grabmal Dr. Dommes im Vorzustand

Grabmal Dr. Dommes nach der Restaurierung

Statische Probleme

Ein besonderes Problem stellte das Grabmal Nr. 135 Dr. Georg W. Dommes dar, bei dem akute Einsturzgefahr bestand. Es musste insgesamt demontiert und zur weiteren Bearbeitung in die Werkstatt transportiert werden. Dort wurden die Teile konservatorisch bearbeitet, d.h. absandende Bereiche wurden mit einem Steinfestiger behandelt, lose Steinschalen hinterfüllt. Das gesamte Grabmal wurde substanzschonend gereinigt, Schwarzverkrustungen im Mikrowirbelverfahren ausgedünnt. Abschließend erfolgte eine Neuversetzung auf einem neuen Unterbau, wobei der Hohlraum an der rechten Seite des Sockels mit neuen Sandsteinplatten ausgefüllt wurde.
Wie bei Grabdenkmalen auf dem Gartenfriedhof, die abgebaut werden müssen, üblich, wurde durch die Denkmalpflege eine archäologische Untersuchung veranlasst.



2012 bis 2015 konnte die Wenger-Stiftung für Denkmalpflege mit Fördermitteln in Höhe von ca. € 100.000,- 75 Grabdenkmale auf dem historischen Gartenfriedhof in Hannover konservieren.