.
.
.
.
Logo
.

Die Restaurierung eines manieristischen Raumensembles:

Die Choraus­stattung der Rodenkirchener St.Matthäus­kirche

Förderzeitraum: 2001

Predella des Altarretabels. Geburt Christi

Rodenkirchen, Altar, Meisterzeichen von Ludwig Münstermann

Orgelprospekt aus der Schlosskirche in Rotenburg (Wümme)

Varel, Schlosskirche. Der Chorraum mit dem
Altarretabel, der Kanzel und dem
Taufbecken von L. Münstermann

Rodenkirchen, St. Matthäus-Kirche von Süden

Rodenkirchen, Altarretabel

Rodenkirchen, Kanzel

Rodenkirchen, Epitaph Hinrich Dethmers

Rodenkirchen, Chorraum (Foto: Tobias Trapp)

Rodenkirchen, Chorgestühl und Beichtstuhl auf der Südseite nach der Restaurierung

Tilman Riemenschneider, Heilig-Blut-Altar in der St. Jakobskirche zu Rothenburg ob der
Tauber, 1501-1505. Die zentrale Szene zeigt das "Abendmahl" (Foto: Dr. Volkmar Rudolf)

Rodenkirchen, Dokumentation der von Münstermann verwendeten Holzarten (Elke Behrens, 1996)

Rodenkirchen, das Abendmahl als zentrale Darstelung des Altarretabels
(Foto: Tobias Trapp)

Rodenkirchen, die Bekrönung des Altarretabels.
Der Auferstandene mit Tod und Teufel
(Foto: Tobias Trapp)

Rodenkirchen, Kanzelkorb. Die Evangelisten Lukas
und Johannes nach der Restaurierung 2010

Rodenkirchen, Kanzelaufgang nach der Restaurierung
2010

Rodenkirchen, Brustzone der Kanzel nach der Restaurierung 2010. Relief "Adam und Eva"

Zur Restaurierung der nachreformatorischen Chorausstattung

Einer der bedeutendsten Bildschnitzer Deutschlands des frühen 17. Jahrhunderts, der in Hamburg arbeitende Ludwig Münstermann (nach 1575 – 1637/38), bleibt mit seinen vor allem in den Kirchen der ehemaligen Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst erhaltenen Altären, Kanzeln, Taufen und Epitaphien eine dauernde denkmalpflegerische Aufgabe und Herausforderung. Für 1612 sind erste Arbeiten am Fassadenschmuck des Oldenburger Schloss und der Rasteder Kanzel belegt. 1613-18 folgt die Ausstattung der Vareler Schlosskirche.Ludwig Münstermann war einer der bedeutendsten Bildschnitzer Deutschlands des frühen 17. Jahrhunderts Die Arbeiten für Altenesch, Rodenkirchen und Hohenkirchen, Schwei, Holle, Stollhamm und Apen füllen die Jahre bis 1631. Im letzten Lebensjahrzehnt scheint Münstermann die Ausführung der vielen Aufträge im Wesentlichen den Mitarbeitern seiner Werkstatt überlassen zu haben.
Zwar ist der Initiative Herbert Wolfgang Keisers, als Leiter des Landesmuseums in Oldenburg auch zuständig für die beweglichen Kulturdenkmale in Oldenburg, zu danken, das in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wichtige Werke vor dem weiteren Verfall bewahrt werden konnten, der Mangel an Dokumentationen, die eindeutige Auskunft über die einschneidenden Restaurierungen geben könnten, ließen aber alle Fragen nach der Authentizität der seinerzeit wiederhergestellten Polychromien offen. Allzu groß erschienen die Unterschiede zwischen den freigelegten bzw. völlig erneuerten Fassungen.
Der Restaurierung der Chorausstattung in der mittelalterlichen St. Matthäus-Kirche des im oldenburgischen Stadland an der Unterweser gelegenen Rodenkirchen (Ldkrs. Wesermarsch) kommt daher größte Bedeutung zu. Das Retabel, 1618 begonnen und 1629 aufgestellt, ist Teil einer nachreformatorischen Kirchenausstattung, die den Ostteil mit Chor konsequent zu einem Sakralraum für den Vollzug des lutherischen Gottesdienstes umgestaltete. Die 1631 datierte Kanzel, der um 1630 gestaltete Taufstein, das 1637 gesetzte Epitaph Hinrich Dethmers, schließlich die den Altar südlich und nördlich einfassenden Beichtstühle und Reihen des Chorgestühls bilden gemeinsam mit diesem ein eindrucksvolles, auch programmatisch aufeinander bezogenes Ensemble des 17. Jahrhunderts, das in seiner Vollständigkeit im Oldenburger Land und weit darüber hinaus als singulär gelten darf.
Nach langer sorgfältiger Vorbereitung konnte 1997-2000 in einem ersten Abschnitt das große Altarretabel restauratorisch bearbeitet werden, in einem zweiten mit Mittel der Wenger-Stiftung für Denkmalpflege 2001 die Beichtstühle und das Chorgestühl. Auslöser waren stark abscherende Farbschichten, substanzgefährdende Salzausblühungen, die auf das rigorose Ablaugen eines Teiles der Schnitzereien 1960 zurückzuführen waren, Holzschäden sowie gravierende statische Probleme, die einen Einsturz des Retabels befürchten ließen. Die der Restaurierung vorausgangenen Untersuchungen ließen deutlich werden, dass die 1960 vorgenommene starkfarbige Fassung nicht nur maltechnisch bedenklich einzustufen war, da sie den originalen Bestand schädigte. Vor allem überdeckte sie die qualitativ hervorragende Bildschnitzarbeit Münstermanns.
Um die Feinheiten der geschnitzten Oberflächen sichtbar zu erhalten, war das gesamte Holzwerk ursprünglich mit einem pigmentierten Leimüberzug versehen worden, programmatisch wichtige Bereiche – Figuren, Inkarnate, Inschriften, Teile der Retabelarchitektur und Ornamentik – waren farbig abgesetzt.Für die beabsichtigte Holzfarbigkeit sprechen nicht nur die sorgfältig geglätteten Oberflächen mit ihren feinsten Schnitzdetails, sondern auch die Kombination von Eichen- und Lindenholz, die einer deutlich gestalterischen Absicht folgend zum Einsatz gebracht sind Für die beabsichtigte Holzfarbigkeit sprechen nicht nur die sorgfältig geglätteten Oberflächen mit ihren feinsten Schnitzdetails, sondern auch die Kombination von Eichen- und Lindenholz, die einer deutlich gestalterischen Absicht folgend zum Einsatz gebracht sind.
Es stellt sich natürlich die Frage nach der Bedeutung dieser Befunde: Während die Forschung bisher ihr Interesse vor allem der spätgotischen Monochromie, beispielsweise bei Tilman RiemenschneiderTilman Riemenschneider, spätgotischer Bildhauer von großer regionaler Bedeutung (* 1468 Heiligenstadt - +1531 Würzburg), vorwiegend im Mainfranken tätig. In seiner Kunst verbinden sich Elemente der deutschen Spätgotik mit Stilformen der beginnenden Renaissance. Er war einer der ersten Künstler, der neben der farbig gefassten Plastik bewusst zu einer ungefassten Skulptur überging. und Veit StoßVeit Stoß (*um 1447 Horb am Neckar - +1533 Nürnberg) schuf von 1477 bis 1484 mit dem Hochaltar für die Krakauer Marienkirche den größten geschnitzten Flügelaltar der deutschen Gotik. In Nürnberg bedeutende Skulpturen für die Kirchen St. Sebaldus und St. Lorenz. Stoß gilt als einer der herausragenden Bildhauer seiner Zeit., gewidmet hat, blieb weitgehend unbeachtet, dass auch in der weiteren Entwicklung neben aufwendig gefassten Skulpturen offenkundig holzfarbige Bildwerke eine eigene Gattung darstellen. Allerdings ist meistens schwer zu entscheiden, ob es sich dabei nicht nur lediglich um provisorische Überzüge handelt, die letztlich durch „wirklichkeitsechte“ Farbfassungen überdeckt werden sollten. Die Bedeutung von Rodenkirchen liegt zweifellos auch darin, dass die originalen Befunde am Altarretabel durch Farbstratigraphien und archivalische Belege aus dem frühen 17. Jahrhundert bestätigt werden.
Die originalen, großflächig erhaltenen Befunde am Altar, die insbesondere aus konservatorischen Gründen freigelegt werden mussten, setzten einen Maßstab für die weitere denkmalpflegerische Konzeption im Umgang mit der frühbarocken Ausstattung – insbesondere der Beichtstühle und des Chorgestühls, die ebenfalls im Sinne der ursprünglichen Gesamtwirkung in ihrer befundmäßig eindeutig belegten Holzfarbigkeit wiederhergestellt worden sind. Dabei wurden Befundstellen als Primärdokumente freigelegt und davon ausgehend Neufassungen ausgeführt, um alle historischen Farbschichten als geschichtliche Belege zu erhalten.
Realisiert werden konnte auch die Rekonstruktion der Knieschemel beiderseits des Altares, die zum ursprünglichen Bestand des Altares gehörten und innerhalb der Abendmahlsliturgie eine wichtige Funktion hatten. Sie waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch eine um die Altarstufe gelegte hölzerne Abschrankung in Gitterform ersetzt worden. Die beiden als Kopfstütze verwendeten Putten haben sich erhalten.
Zur denkmalpflegerischen Konzeption gehört die Glasfarbigkeit, für die das im 17. Jahrhundert herstellungsbedingte Grün-Gelb befundmäßig nachgewiesen werden konnte. Durch die erfolgte Neuverglasung des wandhohen vierbahnigen Ostfensters in der ursprünglichen Aufteilung ist mit der dezenten Tonigkeit ein wesentliches integrierendes Element für die Wirkung des Münstermannschen Ensembles zurückgewonnen worden.

Dr. Peter Königfeld (2006)